Fahre so eine Stunde durch Berlin und laufe schließlich durch Straßen, die nicht anders aussehen wie die Straßen in dem Dorf, in dem ich zur Schule gegangen bin. Sie tragen sogar die gleichen Namen, fast, es könnten die gleichen Namen sein, und es gibt vereinzelte Déjà Vu-Versuche, die lieber gleich sein gelassen werden, weil Instant-Erinnerungen aus dem Heidedorf gerade nicht erwünscht sind. Hinfort mit ihnen, weg mit ihnen, weg mit den kurz geschnittenen Rasen und den hoch glänzenden Deko-Kugeln im Efeuoderwasauchimmer, dem ekelhaften Kitsch der dörflichen Vorgärten und her mit dem kleinen verschachtelten Häuschen mit seinem Wildwuchs aus grünem naturestrikesbackgezussel, in dem die kleinen Katzenkinder sich mit den kleinen Hundekindern auf Perudecken kuscheln. Her mit der Zukunft, denken wir und schauen uns an.
Müde bin ich, müde, um an Schlaf zu denken und mich in Nachtträumen zu versenken, die das Tageslicht nie erleben werden, wenn die Morgendämmerung sie leise zudecken wird, um ihnen den Schlaf zu schenken, den Schlaf, den tiefen, den süßen tiefen Schlaf. Und jetzt schon: Erinnerung, Erinnerung an eine halbe Stunde im warmen Schatten einer Mauer vorhin am Nachmittag, kostbar und tief, Erinnerung, die mich anküsst und mich träumen lässt. Erinnerung, Traum, Placebo auch und deshalb auch so schön, so schön. Zwei Verliebte auf einer Stufe.
Später entdecke ich mich auf Bordsteinkanten balancierend, vor mir der Hund im Schotter: trägt den größten Stock im Maul, stolz wie ein Kind, das zum ersten Mal freihändig das Fahrrad unter den Füßen jongliert, Kind, das selbstvergessen auf den Bordsteinen die Füße vorsetzt, ich. Selbstvergessen träume ich mich durch meine Erinnerung und bin glücklich, weil sie nicht aufhört, sie fängt erst an und dauert noch und an, lebt in den verpixelten Buchstaben einer SMS am Nachmittag und deckt mich leise zu.
Im Dunklen, jetzt, laut, auf der anderen Seite der Balkontür werden die Schienen geschliffen und die Weichen gereinigt, laut. Ich stehe auf dem Balkon und strecke mich, recke die Schultern, meine Schultern, und schaue über die Dächer nach Süden und weiß genau, wovon ich träumen möchte, bis es Morgen wird. Alles andere ist kein Traum, es ist schöner als zu träumen. Angeküsst.
Ich rufe mürrisch den Hund hinter mir her, beweg Dich, es ist Kreuzung und die Autos sehen kein rot, kaufe bei der lustigen Französin Ziaretten und geniere mich plötzlich, weil meine Hand mir viel zu intim riecht, als sie das Geld aus meiner Hand nimmt. Wie gehts, danke gut und so, bis dann, und einen schönen Abend noch. Gehe aus dem Laden und will verschwinden, den Zug nach Westdeutschland nehmen, dorthin, wo es so sehr Westdeutschland wie sonst nirgends ist und schaffe es doch nur bis in die elende Kollwitzstraße, wo die neuen Neuberliner von den Neuberlinern als Schwaben beschimpft werden, von denen ich hier auch noch fast keinen getroffen habe, ausgeblendet wohl.
Großes Berlin, dickes B oben an der Spree, labile Legende und modernder Mythos, wer hier länger lebt, lernt auszublenden und zu ignorieren, Stadt der Halbgaren und der Halbwesen, modern living auf halber Treppe. Verlasse ich das Haus, blende ich aus, sitzt gleich links von mir die besoffene Horde Hartzmenschen, die Zungen in Bier und Döner eingelegt, ignoriere den Gestank des Scheiterns und gehe nach rechts in die kunterbunte Villa PrenzlBerg, wo die Muttis mit ihren Kinderwägen die Gehsteige beherrschen, allein erziehende Musen des Prekariats, dessen Männer ihre Träume in den prardiesischen Bars irgendwo an den Rändern der Gehsteige ertrinken. Ich bin verliebt, schrecklichschön, schwer verliebt, es tut weh manchmal, manchmal will ich den Zug nehmen und alles ausblenden, meinen Job, den ich nicht mehr will, meine Freunde auch, die ich vernachlässige. Muss los nun, die Bahn nehmen, arbeiten. Ach.
Nach drei Wochen auf der anderen Seite des Kudamms wieder herauszukommen, aufzusteigen aus der Tunnelhitze und die Welt nicht verstehen können, weil sie rückwärts aussieht und vorwärts dreht und zu merken, dass es nur das eigene selbst ist, das rückwärts sieht und vorwärts geht, das ist verwirrend, das ist komisch. Das ist erwartet. Für eine Minute suche ich den Bus, der mich in die falsche Richtung fahren soll, dann, als ich an der ersten roten Ampel warte, ist da doch kein vertrautes Rockrot unter meinen Händen und ich bleibe nicht stehen und gehe bei Rot, weil ich das Rauschen meiner Erinnerungen auch schon fast nicht mehr ertrage, Sehnsucht, süße. Ich kann mich nicht entscheiden, probiere Locken und Sommersprossen, die ich versäumt habe zu zählen, weil meine Augen geschlossen waren, immer dann, wenn ich sie hätte zählen können, immer dann nur die Lippen geöffnet, immer dann.
Es ist verwirrend, es ist komisch, nach drei Wochen mit ihr hier bei mir, mit ihr hier unter offenen Fenstern gelebt, geliebt so sehr geliebt, hier nun allein am Tisch zu sitzen, das Herz unter der Tastatur, es ist still, hier, ich traue mich fast nicht Musik anzumachen, und wenn ich nach rechts gucke, liegt da doch ein weißes Stück Stoff im Regal. Musik.
(Lieber Nachbar)
Auf der Treppe stürzst Du hoch, stockst, fragst. Warum fragst Du, wenn Du was zu sagen hast, rede nicht nur so, wenn Du Fragen hast. Bist Du schüchtern, so wie ich, weil Du siehst und hören kannst, Deine Augen sind neugierig, Deine Augen machen Fotos, auch ohne Kamera, sie alle lieben Deine Augen. Und die Wände sind dünn in unserem Haus, wir alle wissen das, dazu braucht es nicht mal Schüsse.
Alles ist ok, tatsächlich geht es mir gut, Du siehst es nur nicht, Du kennst mich nicht.