Ich könnte mich auch einfach umbringen. Peng Peng Peng, aber dazu fehlt mir das Equipment. Also kotzen stattdessen, bis der Werauchimmer kommt. Ich habe keine Ahnung, was ich in den letzten drei Monaten getan habe, sicher ist aber, dass ich mich sehr darum bemüht habe, mir mein Herz brechen zu lassen. Möglicherweise war ichs auch selbst, es gehören ja immer zwei dazu. Vorhang auf für Selbstmitleid, Opus xxx.
Lieber Freund, der Du nicht bist, ich werde Dir diese Zigarettenlänge nie vergessen, in der Du mir die Augen für das jetzt geöffnet hast. Und vielleicht werde ich Dir diese fünf Minuten Irgendwann einmal zurückgeben können, aber es wird nicht morgen und auch nicht in den nächsten sechs Wochen sein, aber trotzdem. Ich wünsche Dir, dass Dein Glaube Berge versetzen wird. Und ich wünsche Dir, dass Du glauben kannst, irgendwann einmal.
Ich bin an einem Wendepunkt angelangt, ich habe die Kreuzung erreicht, an der ich mich entscheiden muss. Ich habe viele Entscheidungen getroffen in diesem Jahr und nicht jede von ihnen war eine richtige. Und auch nicht eine falsche. Wir wissen nicht, was richtig und was falsch ist, wir versuchen doch einfach nur irgendwie zu leben und wissen gar nicht, wie das geht.
Liebe Freundin, die Du nicht bist, ich werde Dich vermissen dann. Einfach so, ich mag Dich halt. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich brauche was neues, ich brauche eine neue Maschine, der ich mich ausliefern und unterwerfen kann. Ich brauche neue Gesichter und eine neue Sprache. Ich brauche einen neuen Körper. Ich brauche neue Nahrung. Ich brauche etwas neues, das ich benutzen kann, das mich benutzen kann.
Mal die Augen zu und durch und nicht zurückgeguckt ins Ungewisse reingefallen. Das wird sicher lustig, das hätte ich schon so längst tun sollen.
Aber Du: über Dir zerbricht mein Kopf, was solls, es wird nicht passieren, was passieren soll, wird passieren, bis später dann. Ich werde Dich vermissen. Scheiße. Escape, wie passend.
Und schwuppdiwupp werden Augen groß und größer und leuchten den ganzen vermaledeiten Zigarettenrest runter, bis sich kollektiv erhoben und hereinspaziert wird, als wäre nie ein Wort gefallen.
Als wäre nie ein Blick gewesen, nie verstohlen Hüften und Beine taxiert und von Schläfen- bis Nackenhärchen jedes einzelne Haar sie will mich, sie will mich nicht gezählt. Aber wer hat bloß den Pfeil verschossen, der mich vergiftet, und sag doch mal, was wäre wenn, und wenn es wär, wo bekomme ich dann ein Gegengift her.
see the world through my dirty lonely mixed up mind
Ist das nicht Verschwendung? sagt sie.
Ich wünschte, ich könnte das auch so sehen, Mädchen. Stattdessen schaue ich mir abermals den Klassiker Herz fickt Kopf an und bilde mir wie immer ein nicht zu wissen, wer am Ende unten liegen wird. Wäre ja auch langweilig sonst, schließlich möchte ich das blaue Wunder nicht verpassen.
Nun aber mal nicht gleich so hochgetrabt getan, der Herr! Begreifen Sie es endlich mal, dass Sie Ihr Leben nicht ungefragt beenden und beginnen können, wie es Ihnen beliebt. Wenn Sie sich am nächsten Morgen die Augen reiben, werden da immer noch die unausgepackten Lebensbündel in der Ecke stehen und sich Ihnen unversehens auf die Schultern legen und nur darauf lauern, Sie in Ihren Momenten vollkommenster Unbekümmertheiten zu Fall zu bringen.
Es ist noch nicht vorbei, sagst Du. Ich weiß, dass Du recht hast. Es wird nie vorbei sein. Aber heute, heute tränkte der Regen das Gras und färbte es grün.
Endlose Wochen unterm Busch gekauert und in köstlichsten speichelversiegenden Wundenleckereien ergangen, hervorgekrochen und das Fell geschüttelt und den verlockendesten Knochen hinterhergehechelt. Alles wieder gut also, soweit es den Anschein hat. Ich traue mir zwar noch nicht so recht über den Weg und schwanke mich zuverlässig verstimmend wie eh und je über Stock und Stein und blinzle noch verkniffen in die wunderweite Welt hinein, aber sonst.
Das verwirrt mich, wie kann es mir besser gehen als je zuvor, ist tatsächlich etwas dran an dem Krisenauswegsgerede, und eigentlich wussten wir das ja immer schon: wo Krise, da Chance. War das nun der Knoten, der berühmte etwa? Der langersehnte Schlag in die eigenen liebevoll gehegten monströs verknäuelten Befindlichkeiten aus sechsunddreißig Jahren Zeitrechnung. Irgendwie hänge ich ja doch an ihnen. Also nicht den Knoten zerschlagen, aber aufgetrennt und defekte Bänder entwickelt und ihnen ihren Platz im ausnahmsweise aufgeräumten Archivschrank der Psyche freigeräumt. Denn ihrer entledigen werde ich mich wohl nicht mehr können. Und eigentlich will ich das auch nicht mehr: vor mir und meinen Gefühlsmassiven wegzulaufen und in den Tälern der Träume meine Zeit zu verleben und auf etwas zu warten, von dem ich keinen blassen Schimmer habe.
Es geht mir gut. Ist das nicht merkwürdig. Ich entdecke mehr und mehr, dass ich meinen Gefühlen Energie entlocken kann, Energie, die ich brauche, um das zu tun, was ich will. Das ist ein neues Gefühl der Freiheit, es scheint, als ob mein Leben vor mir liegt und nur auf mich wartet.
Und jetzt jedes einzelne Wort vergessen, nur noch Hülle oder Kern. Was macht das schon, wenn da nichts ist, nichts. Im Gehen eben lebte ich, doch schien es mir, als sei ich tot. Was aber bin ich in diesem Augenblick, im Sitzen, wenn ich eben noch tot zu sein glaubte. Ich muss hier raus, ohja, raus, raus, nur raus, doch nicht aus diesem Haus, Haus, das schützt, Haus, das dunkel ist. Keine Menschen. Nur ich und das Tier.
Ich habe nie geahnt, dass ich mich in solcher Maßlosigkeit von allem hier distanzieren könnte. Mir scheint, als fliege ich fort ins nichts. Die Dunkelheit ist mit mir, ist Hülle und Kern.
Das Licht des Anrufbeantworters blinkt, als wäre es nie anders gewesen, blinkt wie die Signalleuchte des Flugzeugs am dunklen Himmel über dem Land, das ich bereiste. Eindringlinge, hinfort mit euch. Vielleicht habe ich an einem anderen Tag weniger Ekel davor Euch anzuhören.
Ich will nicht mehr hier sein. Ich gehöre nicht mehr hierher. Sie sehen es, alle sehen es. Sie fragen mich, ob ich wieder fortgehen will, für immer sogar, womöglich. Ja denke ich, ja weiß ich, ja fühle ich. Ja, ich bin schon fort. Ich bin schon tot. Hier bin ich tot.
Ich habe nach den abgerissenen Wurzeln gegraben und sie wiedergefunden und bin erschrocken über ihre machtvolle Lebendigkeit. Sie waren nie tot, war ich nur tot, meinen Wurzeln entrissen einst? Wird es mir besser gehen, wenn ich zu ihnen zurückkehre? Werde ich heil werden?
Von hoch oben erscheint mir das Land meiner Mutter als geschundener Schakal, dem die Hiebe des Menschen rote Striemen ins Fell getrieben haben. Ich kann mich nicht sattsehen. Folge jeder Biegung roter Erde, die tausende von Metern unter mir sich durch das verbrannte Gras karger Hügelketten frisst. In der Sonne gegerbte Haut eines abertausendjährigen Tieres, die nur der rote und braune, der goldene Staub der Atmossphäre vor dem ewigen Blau des Äthers schützt. Ich komme nach Hause. Und bin nie fort gewesen.
Und jetzt, zurück im Land meines Vaters, spüre ich zum allerersten Mal den Schmerz von einst, den Schmerz des Kindes, den Schmerz der Trennung von Bruder und Schwester. Wo vorher nur die Stille des Verdrängens war, Stille, all die Jahre lang.