... ach arme kleine Qualle, wäre sie doch nur am Strand geblieben. (maybe the little jelly-like one would have met that big big restless frog, and maybe they even would have fallen in love)
Denn wir wissen: am Strand ist alles besser.
Vor mir sitzen Menschen, einer redet zu ihnen, die Menschen schmunzeln, weil er doch ganz rührig ist, wie er da sitzt und aufsteht und sich wieder hinsetzt, der Professor aus Heidelberg, Anekdoten inklusive. Überstehen kann ich das nicht. Alles ist in Ordnung, leider. Keine Fehler, ich bin überflüssig, absolut.
Ich sitze ganz hinten und durchlaufe die Stadien des Langeweilezyklusses und verliere das Zeitgefühl. Zählen. 1,2,3,4,5,6,7,8 auf der rechten Seite, 1,2,3,4,5,6 auf der linken Seite, nein verzählt, noch einmal. Zwanghaft vergewissere ich mich, überprüfe die Anzahl der Anwesenden, obwohl es keine Rolle spielt, ja, mir kann es egal sein, ich bin der einzige in diesem Raum, dem es vollkommen egal sein kann.
Nichts passiert. Auf dem Display des Handys bewegt sich die Zeit nicht, ich oder alle anderen um mich herum haben aufgehört zu existieren. Nur diese rührig eifrige, gemütlich tranige, fast schusselig wirkende Stimme des einen Menschen da vorne hat überlebt. Ich setze mich ein paar Stühle weiter zur Seite, so dass ich seine Stimme nicht mehr sehen kann, wenigstens das, ich kann diese Stimme nicht mehr sehen, die mit jedem Wort ein Stück meiner Erinnerung raubt und mich dem Vergessen meiner selbst näher bringt.
Ich breche zweimal den Highscore auf meinem Handy. Lautlos, er kann es nicht hören, er redet. Verhaspelt sich, Professor Hastig verhaspelt sich immer öfter. Ich kann nichts tun, wage nicht den Raum zu verlassen, es könnte ja sein, dass. Deswegen sitze ich hier in diesem Raum, vor mir Rücken und Hinterköpfe fremder Menschen, fremder Gedanken. Notizen. Räuspern. Vibrationsalarm. Eine Frau verlässt den Raum, bedacht die Türe leise zu schließen, nicht zu stören. Die Frau kommt wieder, schließt die Tür leise. Ich starre aus den Fenstern.
Nach der Pause, in der ich apathisch zwei Stücke Apfelkuchen zu mir nehme und mich ansonsten unauffällig mache, was nicht schwer ist, da ich mich selbst nicht mehr bemerke, nach der Pause gehe ich nicht wieder zurück und bleibe vor der Tür stehen. Gucke mich um. Gehe umher und berühre die Leinwände an den Wänden: Acryl, religiös motivierter abstrakter Kitsch. In einem Regal die übliche Auslage an Flyern, die ich nicht durchblättere, weil ich mich vor ihnen ekele, Ich weiß längst, was in ihnen steht, ich weiß es noch aus meiner Kindheit als Pfarrerskind, das reicht um zu wissen, was in diesen Flyern geschrieben steht.
Ich halte es nicht mehr aus. Ich streife durch das Foyer, ein unter Hospitalismus leidender Tiger, und denke fast nicht mehr. Shir Khan lese ich in meinem Kopf und bemerke kurz den Wunsch zu töten, einfach so. Sie dort, Ihre Kehle gehört mir, es geht schnell, sehr schnell. Sie werden es gar nicht bemerken.
In einem anderen Teil des Gebäudes passiere ich die offene Tür einer Kapelle und gehe weiter. Der Rest ist noch weniger sehenswert. Mir fällt die Kirche von früher ein, die mit dem grauen ausgemergelten Jesus an dem vergoldeten Kreuz und trete dann doch ein und suche mit meinen Blicken zuerst das Kreuz und finde es nicht: in dieser Kapelle ist nur eine quadratische Tafel an der Wand hinter dem Altar angebracht. Oberfläche: Plastikgold. Struktur erinnert an ein Buch, Bibel womöglich, Heilige Schrift. Ich fasse es an und erhoffe ein Spektakel, Alarmglocken zum Beispiel, aber da ist nur dieses öde Gefühl von Plastik auf meiner Handfläche, das Gefühl verarscht worden zu sein. Kein Wunder, nicht heute und nicht hier.
Das Kreuz steht hinter der Kanzel, ein Rednerpult nur, hinter dem Priester, wenn er predigt.
Ich verbringe die letzte halbe Stunde bewusstlos in einem Sessel vor dem Raum und versuche ein drittes Mal den Highscore zu brechen.
Was kann man über ein Konzert schreiben, dass normal war. Gestern war ich bei the cure. Sie spielten alles, was von ihnen erwartet wurde, bis auf torture, all i want und object, bis auf faith, fascination street - und sogar shake dog shake war nicht im Aufgebot.
3 Stunden Perfektion, nur leider fehlte das Keyboard und es fehlte an Intimität. Die ausverkaufte Halle zu groß und eher massive attack-tauglich als cure-genehm, alles, was das Geheimnis ihrer Musik ausmacht, das dunkle, das, was ihre Musik depressiv erscheinen lässt und das leuchtende, das nach Hoffnung klingt, das ihr Schönheit verleiht, hatte hier nichts verloren und wurde von der Weite einer zu modernen Radsporthalle verschluckt.
Es gibt bei Konzerten Dinge, die mich aggressiv machen. Ganz oben: gutgelaunte Frohnaturen, die mit rudernden Armen zu love cats hüpfen. Ich mochte love cats noch nie, love cats weckt alle schlimmen Assoziationen an die heimische Dorfdisco aus einem anderen Leben, weckt Erinnerungen an Cola-Korn und zur Schau getragenen Ausdruckstanz, an selbstgebastelten Fimo-Schmuck auch. Sicher tue ich ihnen Unrecht, es lag nicht an ihnen, dass sich zwischen den schönen Momenten dieses Konzertes Langeweile einschlich. (Und doch haben sie mich genervt, die Frohnaturen, elende, verschwindet.)
Die schönen Momente... the cure sind vielleicht vor allem eine Band für Menschen, die zu Nostalgie neigen, die bei pictures of you und lovesong an längst vergangene Berührungen und Augenblicke vergangener Lieben denken, auch Momente aus einem anderen Leben. Die bei primary und the walk wieder bekifft im Auto durch die nächtliche Ödnis der heimatlichen Dorflandschaften fahren und a forest wieder für den größten Hit aller Zeiten halten. Again and again and again and again...
Deshalb gehen wir zu the cure.
(Und weil es dann doch diesen einen überraschenden Moment gibt: the kiss. Wild, zuckend, manisch, roh, intim, schön.)
Wer hätte gedacht, dass ein Nein! so befriedigend sein kann. Ich bin nicht befriedigt, aber ich fasse einen Entschluss. Kennen Sie die Holzkugeln im minority report, auf denen der Name des Mörders zu lesen ist. Meine Kugel rollt, angetrieben nur durch den Entschluss zu brechen, zu zerstören, zu töten. Ich laufe Amok, möchte mein altes Leben töten, das nicht mein altes ist, denn ich habe nur ein Leben, das ich nicht zerstören kann.
So schaue ich der Holzkugel zu, wie sie sich durch meinen Kopf und mein Herz frisst, von Erinnerungen zehrt, sich von Erfolgserlebnissen und Verletzungen nährt und warte auf den Namen des Mörders, der mir eine neue Existenz verleiht und weiß doch, dass ich es bin. Wer soll es sonst tun.
zerstören - erschaffen
Es ist Zeit zu gehen, es ist immer Zeit, es ist nie zu spät. Ich brauche euch nicht, nicht eure Scheinheiligkeit und wohlgesonnenen Mienen. Ich bin raus, spart euch euer Geld, ich verlasse das sinkende Schiff.
Ein kurzer Blick zurück ins erste Kapitel genügt, um richtungslos sich zu drehen, und wenden mag ich es, wie es will. Ein tiefer Blick nach rückwärts innen genügt, um nicht mehr denken zu können, bis mir der Atem zu verwehen scheint, aber das ist nicht so, das ist nur ein Innehalten im Tiefsten, wo alle Gefühle ruhen, um abermal und mal geweckt und zugedeckt zu werden. Im Herzen ist Weh, warm und wild - der Ofen, erlischen soll er doch nie und verzehrt Brikett um Brikett. Den ganzen Tag in Aufruhr, weil Existenzangst das Herz drückt, wie der Nordwind, der übers Dach sich in den stinkenden Schlot presst und den Ofen nicht zu Atmen kommen lässt.
Und dann sitze ich hier verängstigt und weiß nicht weiter und schlage plötzlich Seite 1 auf und mein Herz macht einen Sprung und lässt eine Prise warmes nasses salziges verkullern, die im Tiefsten rührt und das Wärmste und Wildeste von allen streift, und da, da weiß ich dann dass in Wirklichkeit alles gut ist und ich nicht allein bin.