Ein abgerissener Filmstreifen liegt da, auf dem Beton, überlaufe ihn und drehe hastig um, will ihn aufheben, weil das, was er mir zeigen könnte, der Filmstreifen, das veränderte sicher mein Leben. Ist weg, verschwunden, verstehe nicht.
Er lag da, ich bin direkt über ihn rübergestiegen, über den Filmstreifen, senkrecht über ihn rüber. Bestimmt eine Minute suche ich manisch nach dem Streifen, und eine Minute ist schon richtig lang, meine Minute Suchen ergibt eine beträchtliche Anzahl an Filmmetern, die vielleicht in dieser einen Minute von einem anderen überlaufen werden.
Und dabei ist das Stück Film da auf dem Beton nur ein Sekundenbruchteil gewesen.
Berlin hält sich gelegentlich für New York.
Das ist natürlich unangebracht.
Hier gibts nämlich zwar den Tiergarten, aber nicht den Central Park. Obwohl, die eine Ecke da im Bötzow-Viertel direkt am Friedrichshainer Volkspark, die ist ein bisschen wie Manhattan. Wenn die Straßenbeleuchtung stimmt und der Nebel tief genug ist, vergisst man doch gleich, dass die Häuserwände nur 5 Etagen und nicht 50 hoch sind. Der Friedrichshain ist auch deshalb an dieser einen Ecke ein Mini-Central-Park, weil da ein zwei asphaltierte Wege in den Park reinschlingern, auf denen eventuell auch das blonde Upperclass-Mädchen aus dem Hair-Film auf ihrem weißen Pferdchen entlang traben könnte. Die später dann zerrissene Jeans trägt und Rauchringe bläst, nachdem und so weiter.
Das ist aber auch der einzige Moment, in dem Berlin New York ist.
Berlin hat Element of Crime. Und eine ganze Menge Herr Lehmanns.
New York hat die Strokes, Sonic Youth und die Yeah Yeah Yeahs!
Well sometimes I think that I'm bigger than the sound
Musik aus dem Nichts.
Reisen über Wasserstraßen, auf denen Weißgoldblütenblätter wolkenschwer zerstäuben. Rudern geht nicht.
Mit einem Knall scheint die Sonne laut. Ich weiß nichts mehr.
Ganz neue Blonde Redhead, "23".
Ich geh mir das hier jetzt erst einmal noch so circa 200 mal am Stück anhören.
Mit Sechzehn nahmen mich meine Eltern nach Berlin mit, die Mauer stand gerade noch. Deswegen hatte ich ein wenig Angst. Nicht vor der Mauer, vor dem ostdeutschen Personal an der Grenze, das im allgemeinen als sehr pflichtbewusst, eventuell sogar übereifrig und neugierig galt. Es wurde einiges über Kofferräume und mehr erzählt.
Später in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms in einem Hotel ein Zimmer, in dem das Licht braun auf gelbe Tapeten schien, deren Muster ich vergessen habe. Und es roch grün und braun und auch etwas grau nach zurückgelassenen Lebensbruchteilen, die modernd aus Ritzen und Polstern hervor krochen. Die Heizung, sie rasselte. Knackte wie ein verzogenes Uhrwerk taktlos und gemein, von unbeendeten Geschichten vergangener Nächte ruhelos getrieben. Da halfen auch kein Tritt und kein Drehen an der Schraube, die Heizung knackte nur noch mehr und flüsterte laut und deutlich von Einaktern unter den Lichtern der Straße.
Jedes Knacken ein Vorhang, neue Szene, schneller, lauter, tiefer. Schnitt. Straße dann. Ohne Ziel lasse ich mich über den Kudamm treiben, erinnerungslos, weil die Lichter mir nichts von einer Vergangenheit erzählen können. Es ist das erste Mal.
Ich kaufe Bier und schwebe von den Lichtern der opulenten Schaufensterauslagen zu den Leuchten unbezahlbarer Karossen, die ich nur aus Film und Fernsehen kenne und schwimme im Lichtermeer, vollkommen befreit von meinem Leben, in dem ich am vorigen Abend noch beim gemeinschaftlichen Gebet in der Jugendgruppe in den Augen eines Mädchens mit einem rosa Pulli ertrank, weil es so einiges gab, wofür es sich beten ließ.
Und zwischen den Stellkästen auf der Promenade: Beine in hautengem Rosa, auf dem sich die Lichter der Autos brechen, eine Jeansjacke in weißem Kurzundknapp unter goldgelben Haar, dessen Haarsprayglitzer mich hinabzieht, tiefer, tief in das Meer der Träume.
Ich bin sechzehn und habe nur mein Taschengeld und später in einem Zimmer in einem Hotel, in dem es grün und gelb und braun dunkelte, rauschte die Heizung in rosa und weiß.
Und knackte unaufhörlich.
Vielleicht, wenn es mir gelänge meine Träume zu töten,
gewänne ich das Leben.
Was für ein Leben aber würde das sein?
Ohne Träume?
Ein brauchbares wohl!?
Und selbst dann, wenn da draußen die Pest alles darniederrafft und jeder gegen jeden pestet, gerade dann sind Träume etwas großartiges. Allein der Gedanke, der Traum an sich, ist lebenswert.
Aus einem Dokumentarfilm von Rainer Werner Fassbinder.
Wann trifft man schon auf Winston Tong und Herrn Fassbinder im Duett!
Und einmal da standen sie bei ihr im elterlichen Wohnzimmer und vergaßen ihre gute Stube und nicht ein Wort fiel und sogar ihr Lachen verlief sich im schweren Polstergrün, in dem sie vor Blicken geborgen bleiben wollten bis zum Morgen.
Ein anderes Mal zeigte sie ihm Fotos mit Pferden und mit Kühen drauf und seine Augen verfingen sich alsbald in ihren schwarzen Locken und hörten nicht, wie sie mit den vergangenen Tieren und den lebenden Gemälden sprach.
Und er zeigte ihr Fotos mit Altaren und Talaren drauf und ihre Ohren versanken in seinen Händen und sahen nicht, wie er mit den vergangenen Kreuzen und den lebenden Büchern sprach.
Im blickdichten Polstergrün, dessen warme Schwere das Licht verdichtete, verstanden sie sich wortlos, sie konnten sich gut riechen.
Und an einem Morgen, da regnete es einen schlechten Film in einer unverständlichen Sprache und sie gingen ihrer auseinandergeliebten Wege.
Und später noch, da begegneten sie sich noch einmal in einer anderen Stadt und noch ein letztes Mal berührten sich ihre Nasen.