23 / 07 / 09

Im Wurzelverzeichnis

Und jetzt jedes einzelne Wort vergessen, nur noch Hülle oder Kern. Was macht das schon, wenn da nichts ist, nichts. Im Gehen eben lebte ich, doch schien es mir, als sei ich tot. Was aber bin ich in diesem Augenblick, im Sitzen, wenn ich eben noch tot zu sein glaubte. Ich muss hier raus, ohja, raus, raus, nur raus, doch nicht aus diesem Haus, Haus, das schützt, Haus, das dunkel ist. Keine Menschen. Nur ich und das Tier.

Ich habe nie geahnt, dass ich mich in solcher Maßlosigkeit von allem hier distanzieren könnte. Mir scheint, als fliege ich fort ins nichts. Die Dunkelheit ist mit mir, ist Hülle und Kern.

Das Licht des Anrufbeantworters blinkt, als wäre es nie anders gewesen, blinkt wie die Signalleuchte des Flugzeugs am dunklen Himmel über dem Land, das ich bereiste. Eindringlinge, hinfort mit euch. Vielleicht habe ich an einem anderen Tag weniger Ekel davor Euch anzuhören.

Ich will nicht mehr hier sein. Ich gehöre nicht mehr hierher. Sie sehen es, alle sehen es. Sie fragen mich, ob ich wieder fortgehen will, für immer sogar, womöglich. Ja denke ich, ja weiß ich, ja fühle ich. Ja, ich bin schon fort. Ich bin schon tot. Hier bin ich tot.

Ich habe nach den abgerissenen Wurzeln gegraben und sie wiedergefunden und bin erschrocken über ihre machtvolle Lebendigkeit. Sie waren nie tot, war ich nur tot, meinen Wurzeln entrissen einst? Wird es mir besser gehen, wenn ich zu ihnen zurückkehre? Werde ich heil werden?

Von hoch oben erscheint mir das Land meiner Mutter als geschundener Schakal, dem die Hiebe des Menschen rote Striemen ins Fell getrieben haben. Ich kann mich nicht sattsehen. Folge jeder Biegung roter Erde, die tausende von Metern unter mir sich durch das verbrannte Gras karger Hügelketten frisst. In der Sonne gegerbte Haut eines abertausendjährigen Tieres, die nur der rote und braune, der goldene Staub der Atmossphäre vor dem ewigen Blau des Äthers schützt. Ich komme nach Hause. Und bin nie fort gewesen.

Und jetzt, zurück im Land meines Vaters, spüre ich zum allerersten Mal den Schmerz von einst, den Schmerz des Kindes, den Schmerz der Trennung von Bruder und Schwester. Wo vorher nur die Stille des Verdrängens war, Stille, all die Jahre lang.

Das ist einfach gerade alles etwas viel.

Status

Online seit 6792 Tagen
Zuletzt aktualisiert: August 19, 00:10

...
building buildings
everything in its right place
forget everything and remember
girl boy
nothing
offbeat
speed of sound
streets
the village
time, it's time
unter tage
visualities
wörter
z
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren