gehen

22 / 03 / 07

...


und letztendlich ist es so, dass du schwerkrank bist, das kann man drehen und wenden und lässt sich doch nicht ändern und man beginnt sich für jede minute unbeschwertheit, die dir bleibt, zu freuen, für dich, für alle. immerhin ist nichts mehr neu- und nachgewachsen in deinem kopf, und das ist die erfreuliche nachricht, auch dass die medikamentendosis reduziert werden kann und so weiter.
und doch kann es jeden tag passieren, ein telefongespräch, das dich überfordert, bringt deine augen zum flimmern, kann dir den verstand rauben, es ist nun mal so. abschirmen. kein stress. mit dem arzt die richtige einstellung herausfinden.


Worte wie Pflegestufe und Sterbehospiz werden schon mal langsam gedanklicher Alltag, es ist nun mal so. Aber, noch ist das nicht Alltag. Noch kannst Du es Dir gut gehen lassen, zu Hause, so lange es eben geht. Und, da sind Frau Fee und Herr Ritter, die sich rührend kümmern, und natürlich sie, die Du liebst, die Dich liebt. Und die vielen anderen Freunde, die an Dich denken.

Vielleicht ist es so, wie Du sagst, dass Du nur deshalb noch unter uns bist, weil Du weißt, dass wir an Dich denken. Vielleicht ist es so.

Und wenn ich Dich so lachen sehe. Du könntest genausogut klagen und hadern, aber Du lebst und liebst halt gerne, wer kann da noch widerstehen.

Ich denke, der Tod wandert noch eine ganze Weile in anderen Gefilden und hat es nicht eilig.

15 / 12 / 06

Kinderbilder


Menschen machen sich immerfort Bilder voneinander. Ohne die geht es wohl nicht, weil wir ja doch nie den anderen ganz begreifen können und wir wenigstens ein Bild haben wollen, in dem wir den anderen erkennen können. Das ist eigentlich ziemlich egoistisch und sobald jemand nicht mehr dem Bild entspricht, das jemand von ihm hat, kommt es zu Konflikten.

Eine spezielle Sorte Bilder sind die, die Eltern von ihren Kindern haben und umgekehrt. Das Argument, dass Kinder von ihren Eltern ein zu hohes Bild haben, kenne ich aus meiner Kindheit, ein Argument, dass vielleicht vielen vertraut ist, wenn auch in anderen Worten.
Aber dass auch Eltern sich von ihren Kindern Bilder machen, ist die andere Seite. Konflikte zwischen Eltern und Kindern entstehen auf Grund von Bildern, an die man sich so sehr gewöhnt hat, dass man den Staub auf ihnen nicht bemerkt. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass es Kindern leichter fällt, Bilder zu entstauben und abzuhängen und durch neue zu ersetzen als Eltern? Vielleicht weil die Beziehung zwischen Eltern und Kind doch nicht eine gleichberechtigte ist, in Konfliktsituationen zeigt sich, dass Eltern Macht ausüben, wenn ihnen auffällt, dass das Bild, dass sie von ihren Kindern haben, bröckelt und zerfallen könnte, was für sie eine Menge Stress bedeutet, denn mit dem Bild scheint auch das hierarchische Gefüge zu zerfallen und für Eltern ist es nicht leicht, sich einzugestehen, dass ihr Kind nicht ihrem Bild, ihren Erwartungen entspricht.
Fragt sich nur warum das für einige oder die meisten so schwer ist. Bedürfnisse. Auch Eltern haben Bedürfnisse, und in manchen Fällen projizieren Eltern ihre Bedürfnisse auf ihre Kinder, was wiederum für ein Kind Stress bedeutet, weil Kinder doch erst einmal, wenn sie noch klein sind (oder gerade nicht. wenn sie größer werden), versuchen ihren Eltern gerecht zu werden. Nur entwickeln sich Kinder eben - und das oft auf eine Weise, dass Eltern diese Entwicklung nicht wahrnehmen (denn Eltern müssen ja nicht alles wissen) und immer noch an dem Bild festhalten, dass sie sich einmal von ihrem Kind gemacht haben.

Irgendwann sollten Eltern begreifen, dass ihre Kinder nicht mehr die Rolle ihrer Kinder einnehmen wollen.

Bei uns hats lange Jahre gedauert, aber inzwischen spielen weder ich noch meine Eltern Rollen, die wir sowieso nicht ausfüllen können und vielleicht auch nie konnten. So klappts auch mit dem gleichberechtigt sein.

Ende der Hobbypsychologie.

28 / 11 / 06

Echos

(Sonntag, vor zwei Tagen)

Mir schräg gegenüber sitzt einer, den sie Pferd nennen. Zwischen dem roten Halstauch, das sein langes weißes Haar bündelt und dem roten Karohemd treiben zwei blaue Augen, die von alten Träumen, Begierden und Enttäuschungen erzählen, von denen jede einzelne einem der Jahresringe seines Gesichtes zu gehören scheint.
Das Leben hinterlässt seine Spuren in Gesichtern und in Augen. Und auch das Leid. Von dem ich nie erfahren werde, zu welcher Sorte Leid dieses gehört, das mir als Echo in den blauen Augen eines Unbekannten begegnet.
Und wenn es nur die Sehnsucht nach etwas Unerfülltem ist, die mir vorher in der Straßenbahn begegnet, als ich Locken und roten Schal streife, die nicht der Stimme gehören, deren Gespanntheit mich über Tage noch ein Echo des Unausgesprochenen hören lässt.

Später vor dem Krankenhaus, das ebenso gut der Hauptsitz einer Versicherungsgesellschaft sein könnte, frage ich mich, was ich tun werde, wenn mein Vater mich nicht erkennt oder im finsteren Tal wandert. Und treffe auf einen Mann, der leben möchte und dessen Lebenswille ihn nicht aufhören lässt zu reden und mir damit einen Wunsch erfüllt.
Wieviel Zeit uns dafür noch bleibt, ist nicht mehr wichtig. Wichtig sind die Augenblicke, die wir noch miteinander verbringen werden, und das wissen wir beide ohne es auszusprechen. Alles andere liegt nicht in unseren Händen, die ein so großes Wort wie Sinn doch niemals greifen können.
Gewöhnen wir uns daran und überlegen wir uns, was wir wollen und fragen nicht mehr nach dem Sinn.
Mir gegenüber sitzt ein Mann, der gehen kann, dem noch ein bisschen Zeit bleibt, weil er es will.

23 / 11 / 06

a rush of blood to the head

mein vater wurde heute operiert... wer es nicht lesen will, lasse es...






das war zuviel heute, ist zuviel und wird zuviel sein. wie kann es etwas geben, dass du gott nennst, das dich so leiden lässt. keiner verdient das, was du gerade durchmachst, keiner, keiner, keiner. die mirabelle in deinem kopf ist böse, so böse, dass sie sie nicht ganz abtöten konnten und etwas bleiben wird, das gierig an dir fressen wird, schnell, bis du nicht mehr bist. sie haben dir alle angst genommen, du hast es tatsächlich gewagt und dich entschieden. und nun... ist es schlimmer als vorher. liegst bewusstlos auf der intensivstation und weißt es noch nicht. aber ganz tief in dir weißt du es und deshalb willst du nicht zu dir kommen. alles wäre besser gewesen. eine nachblutung, stilles und leises ende im schlaf. selbst das wäre besser gewesen.

danke, dass wir uns neulich so lange verabschieden konnten. du hast dir in den letzten wochen die zeit genommen, dich von uns allen und deinem leben zu verabschieden und nun qüalst du dich im niemandsland zwischen leben und tod. und nur du kannst den weg finden, welcher es auch sein wird. wir anderen können nur warten und hoffen. und auch das wolltest du, keine zuschauer, du willst ganz alleine sein in deinem kampf, weil ihn dir niemand abnehmen kann. du wusstest das alles schon vorher irgendwie oder? dahinten irgendwo in deinem unterbewusstsein wusstest du, dass es auch so kommen kann, wie es heute eingetreten ist.

ich fühle mich hilflos und weiß doch, dass es anmaßend ist glauben zu wollen, dass ich oder irgendein anderer mensch dir jetzt helfen kann. wenn sie dich wenigstens ruhig stellen könnten, dir die schmerzen nehmen könnten, aber in ruhe kannst du nicht kämpfen. es ist einfach nur schrecklich. erzähle mir keiner jetzt was von gott oder schicksal, wir sind nichts und brauchen uns auf nichts etwas einzubilden, weil das bisschen existenz uns in jeder sekunde genommen werden kann.

hoffnung. die bleibt.

16 / 10 / 06

dunkelheit

dieser text kann eventuell triggern

















und ob ich schon wandere im finsteren tal

ich wünschte ich könnte dir helfen, dir stab und stecken reichen, damit du nicht so schwer gehen musst. deine reise hat dich ins finstere tal geführt, tief ins dunkle bist du vorgedrungen, auf einem weg, den nur du gehen kannst. findest du den weg? wie du dich auch entscheiden wirst, es wird richtig sein.

sie dachten, es wäre gutartig und ohne komplikationen zu entfernen, sie haben dir zeit gegeben, damit du dich sammeln und mit deinen ängsten sprechen kannst. aber nun raten sie von einer operation ab, wollen erst ein loch durch deine schädeldecke bohren, damit sie gewebe entfernen können, weil sie nicht feststellen können, ob es doch bösartig ist und bei einer operation streuen könnte.
was wirst du tun? was WILLST du tun? mit dem scheißding in deinem kopf leben und medikamente nehmen, die dich sedieren und dir vielleicht doch nicht die grausamen krämpfe und anfälle nehmen? sie holen dich im schlaf, schütteln dich und lassen dich schreien. keiner weiß, wie schlimm es sein muss für dich, nicht mal du weißt es, weil du dich nicht an sie erinnern kannst. aber sie werden dich kaputt machen, nur wirst du es wohl nicht mal merken.



seid wie die kinder

sie sagt, dass du nicht in den tag kommst, findest das tageslicht nicht. bist schwach und sitzt am fenster und schaust nach draußen ins dunkle. du suchst die dunkelheit, schottest dich ab, versenkst dich. die nachbarskinder besuchen dich, bringen dir schokolade mit und setzen sich auf deinen schoß, deine augen leuchten, weil kinder so sind wie kinder sind.



...

ich sitze hier in berlin und kann dich erst am wochenende besuchen. weisst du, als ich neulich wieder nach hause gefahren bin, nachdem ich dich im krankenhaus besucht hatte, dachte ich eigentlich, dass es alles schon irgendwie wieder werden wird. hörte sich alles doch ganz gut an, tumor aber höchstwahrscheinlich gutartig, spezialklinik in hamburg, superarzt dort, der dir zuhört und zu dem du vertrauen entwickelst und der dich nicht als patienten abfertigt, sondern als ganzen menschen behandelt, einer der wahrnimmt und sieht, dem du alles sagen kannst, auch wie sehr du vor der operation angst hast.
mitte der woche nach hause, zu deiner frau und ja, langsam und ruhig auf die operation vorbereiten, du würdest schon sehen, es ist nicht so kompliziert, das sind nicht irgendwelche ärzte, nicht solche scheißarschlöcher, wie der, der damals bei der mandel-op die narkose versaut hat und dich die hölle hat erleben lassen.

davor hast du angst. das ist es, was du nicht erleben willst, dass du mitkriegst, wie dir der schädel geöffnet wird, weil die narkose wieder versagt. und dass sie das blut nicht stoppen können, wie damals, weil es nicht gerinnt.

ja, wer würde sich das noch einmal antun wollen? niemand. und doch hast du angefangen, dich damit auseinanderzusetzen. weil du spürst, dass du dem arzt vertrauen kannst und sie auf alles achten werden, alles berücksichtigen werden. weisst du, das hat mich so sehr beeindruckt, dass du dich dieser angst vielleicht stellen würdest.

aber nun seit sonnabend weiß ich, dass es nicht so einfach sein wird. wie dunkel und müde ihre stimme am telefon war, während du am fenster saßest und dich in die dunkelheit versenkt hast. soviel hat sie nun zu tragen. ich wünsche ihr alles an gutem, was man einem menschen wünschen kann.



bis bald mein lieber, gehe noch nicht ganz

08 / 10 / 06

...the end is the beginning is the end is the beginning...

wer meine texte über meinen vater lesen möchte, schaue bei gehen nach. mir behagt es gerade nicht, sie hier auf der startseite zu sehen.

ich bin beeindruckt von dem mann, der mir heute gegenüber saß, ich finde keine worte.

06 / 10 / 06

gehen

(gestern am abend, mittwoch)

draußen. dunkel. gehen.

deine schwester hat mit einer stimme auf den anrufbeantworter gesprochen, die mich bereuen ließ, dass ich dieses ding habe. es gibt anrufe, die man nicht beantworten will, weil sie beantwortet werden müssen. ich frage ist etwas passiert und höre es ist etwas passiert.
du gehst schneller als ich dich vor kurzem noch zu gehen sehen glaubte.

wenige tage nach frühlingsanfang. die heide wartet unter harschen schneeschichten, die unter unseren schritten krachend nachgeben und schutzlos dem tauwetter ausgesetzt sind. wir müssen aufpassen, dass wir nicht rutschen, es ist wirklich nicht ganz ungefährlich auf dem schneewasser. aber der hund freut sich, jagt den fliegenden stöckern hinter und reißt inbrünstig schneebälle, die über seinem kopf abtauchen. du liebst den hund, du sagst er ist ein den menschen zugewandtes tier und freust dich an ihm. später dann an dem tag ist in mir weggetaut, was lange nicht schmelzen konnte.

ich gehe die danziger entlang, biege kurz in die kollwitzstraße. der hund jagt einer leeren plastikflasche hinterher, als mir ein mann in deinem alter entgegenkommt, der sich ob seines ausbrechenden rülpsens etwas verschämt aber belustigt einer reaktion von mir versichern zu wollen scheint. ist schon gut sagt ihm mein gesicht, ich finde sie nicht lächerlich. und frage mich im weitergehen, was ich empfinden werde, wenn ich dich wiedersehe, nun da nicht nur dein kopf seine auszeiten nimmt, sondern auch dein körper schwächer wird.

das lila der heide wird längst verblichen sein. sie ist schön, schöner ist sie, wenn sie nicht zur schau steht, wenn sie nicht ihrer blütenpracht wegen bewandert und bestaunt wird. schafstall, heidschnucken, teehaus, alles eigentlich nur tand, aber diese vielen sorten grün gelb und braun, die da sind, die sind besonders.



(jetzt am abend, donnerstag)

hast du je bei deinen spaziergängen einen gesehen, der verblühte heide rupft? sie reißen und zerren an ihr, wenn sie vor leben zu strotzen scheint, sie wollen das lila in ihren vier wänden haben, sie wollen ihre vier wände mit leben schmücken, und wenn das lila zu bräune vergeht, entdecken sie, dass schmuck leblos ist.

es ist nicht das, was es gestern noch zu sein schien. es war nicht einer der kleinen schläge im kopf, die dich in den letzten jahren mehr und mehr geschwächt haben. in deinem kopf wuchert etwas, das nicht wuchern sollte, nicht bei dir, bei niemandem.

am wochenende fahre ich zu dir, hund kommt natürlich mit. kann dann die heide nicht doch noch ein wenig lila sein?

26 / 09 / 06

off he goes

deine stimme klingt alt, so alt bist du geworden. als ich dich das letzte mal gesehen habe, sah ich einen alten mann vor mir. neben mir. du bist nicht mehr vor mir und auch nicht mehr hinter mir. du bist neben mir. du bist mein vater und bist vielleicht bald nicht mehr da. so vieles möchte ich dich noch fragen, auch wenn ich die antworten doch schon längst weiß, aber ich möchte mit dir reden, nicht mehr aufhören mit dir zu reden, nie mehr aufhören. ich möchte nicht, dass du gehst und kann dich doch nicht aufhalten, wieso sollte ich auch. du hast getan, was du konntest. das, was du nicht konntest, das hast du auch getan, irgendwie. irgendwie hast du auch das getan. wenn wir telefonieren, ist kein groll mehr da. es rührt mich, wie sehr du mir zuhörst, hast du mir denn damals auch zugehört? bitte gehe noch nicht, irgendwie möchte ich dich ja doch noch ein bißchen stolz machen, du weißt schon, was ich meine. aber ich weiß auch, dass es darum längst nicht mehr geht. zwischen uns steht nicht mehr der stolz. übrigens bist du genauso ein sturer eigensinniger dickschädel wie ich, aber du bist auch schwach und biegsam und verletzlich, und du bist noch so vieles mehr. das weißt du ja.

off he goes
du gehst schon, ich sehe es in deinen augen und höre es, wenn du mitten im satz abbrichst, weil dein kopf dir die worte verweigert. es tut weh, ich fühle mich hilflos. aber in deinen augen schimmert es und leuchtet es, wenn du den faden wiederfindest und das schöne ist, dass du darüber lachst und dass ich mit dir lachen kann.
ich wünsche dir, dass du ohne leiden zu müssen über die grenze kommst, wenn du endgültig gehst.
i miss you already

♪ jewel cases ♪



Sonic Youth
Sonic Nurse



Tim Hecker
Radio Amor


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The Real Ramona


Sonic Youth
Dirty

°

Trost ist glücklicherweise...
Trost ist glücklicherweise auch nicht angebracht....
pollon - Februar 29, 00:58
Willkommen im Club!
Ich kenne diese Zustände nur zu gut! Tröstliches...
Randolph Carter - Februar 29, 00:36
Und deshalb eben besser...
Und deshalb eben besser nicht... Es gibt immer auch...
FrauH. (anonym) - Februar 24, 13:42
Ja, den Sampler habe...
Ja, den Sampler habe ich auch vermutet, nicht alles...
pollon - Februar 20, 21:58
neben dem keyboard
fehlte es (zumindest in Hamburg) auch an Dynamik. Vieles...
klar.text - Februar 20, 14:57
Eben las ich in der Schnelle:...
Eben las ich in der Schnelle: deine arme vernunft....
pollon - Januar 19, 19:02
he, pollon, hast du schon...
he, pollon, hast du schon deine arme verkauft um deine...
lauesblaues (anonym) - Januar 3, 20:16

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