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16 / 11 / 09

ausloten

Ich weiß.

Die Sprache meiner Erinnerungen ist nicht eindeutig, vielleicht traut sie sich nicht und zensiert sich selbst. Und erschreckt durch Mehrdeutigkeit, die gewollt ist, um ausloten zu können. Tanz auf dem Seil über dem Abgrund.
Es ist aber auch so, dass ich meinen Erinnerungen selbst nicht traue. Ich weiß nicht, ob sie etwas bedeuten, auf etwas hindeuten oder ob sie erst durch das Aufschreiben, durch die Artikulation eine Bedeutung erfahren. Weisen sie einen Weg zu etwas wirklichem oder etwas unwirklichem?

Die Frage könnte lauten: Ist es passiert oder nicht? Und die nächste Frage könnte lauten: Wenn es passiert ist, will ich es wissen? Und die nächste Frage könnte lauten: Was wird dieses Wissen mit mir machen?

Wissen Sie, ich lese mich zwischen meinen Zeilen und sehe mich doch nicht. Kein einziger Satz, der Sie nachdenklich und erschrecken machen lässt, löst in mir etwas aus.
Da sind zwar Wut und Ärger über Nichtbeachtung und mangelnde Zuwendung, aber nichts sonst. Kein Symbol, keine Farbe, kein Zeichen zeigt mir den Weg zu einer Antwort.

Und wenn es keine Antwort geben kann, weil die Frage gar nicht gestellt werden kann? Weil der Grund für diese Frage gar nicht existiert? Und nie existierte?

Der Filmriss, der Blackout in meiner Kindheit ist durch tief traumatisierende Erlebnisse entstanden: Krise der Eltern, Scheidung, Trennung der Kinder, die Mutter nimmt die Tochter mit sich, der Vater nimmt den Sohn mit sich. Aber was passiert ist, weiß ich nicht. Ich habe das Geschehene so phantastisch verdrängt, dass ich nach Antworten in Erinnerungen suche, die durch die Erinnerung an die Albträume zwischen meinem 7. und 10. Lebensjahr geweckt worden sind. Nacht für Nacht. Träume mit eindeutigster Symbolik, die mich nach Erinnerungen graben lassen, in denen ich Hinweise finde. Träume, die ich später gelernt habe im Schlaf zu verdrängen und durch andere Träume zu ersetzen. Doch auch die eindeutigste Symbolik muss nicht die Wahrheit bedeuten, sie kann auch etwas ganz anderes bedeuten, auf das ich bisher nicht gekommen bin.

Und die entscheidende Frage: Wenn es so war, wer war es? Wirklich er? Ich glaube nicht. Weil ich es nicht glauben will oder weil ich es weiß.

Ich finde keine Hinweise. Ich schreibe an sich, für sich, harmloses auf und gebe ihm einen Unterton mit, der an mich gerichtet ist, ein vorstellbares Szenario, das mich provozieren soll, einen Verdacht erhärten soll, damit ich weiter grabe. Aber ich merke allmählich, dass ich auf diesem Weg nicht weiterkommen werde und frage mich, ob es nicht doch besser ist, das Vergangene ruhen zu lassen.

Denn tatsächlich weiß ich nur eines ganz genau: die Träume waren von der schlimmsten Sorte und ich erinnere mich an jedes Detail. Und fast jeder, dem ich von den symbolvollen Träumen erzähle, deutet sie auf gleiche Art.
Alles andere weiß ich nicht.

frühe Wörter

Chaiselongue

Bevorzugter Ort an Nachmittagen im Arbeitszimmer meines Vaters. Der Herr sitzt hinter, man kann auch sagen: vor oder an, seinem Schreibtisch und schreibt an der Predigt für den nächsten siebten Tag.
Ich glaube inzwischen, dass er es oft nicht einmal mitbekommen hat, wenn ich mucksmäuschenstill hereinkam und ihn erst anschaute. Und mich dann auf die Chaiselongue legte und ihm, dem stets Vertieften, bei seiner Arbeit zusah und mich zu langweilen begann. Es kam aber auch hin und wieder vor, dass er aufblickte und mich anschaute ohne mich zu begreifen; sonst wäre ihm der Satz entglitten, der noch in seiner schreibenden Hand lag und so unbedingt auf Papier gebettet werden wollte.
Auf der Chaiselongue mühte ich mich den Spiegel zu lesen, den mit den Schwarzweißfotos damals noch, mit den Fotos von Franz Joseph und Helmut und dem anderen Helmut und den Untertiteln, die sich nie auf das Geschehen bezogen, das auf den Fotos verewigt worden war. Es gab viele Spiegel im Arbeitszimmer meines Vaters, ich konnte mir an jedem Nachmittag einen aussuchen, der Stapel auf dem Tischchen neben der Chaiselongue war groß und stark.
Tatsächlich verbinde ich mit der Chaiselongue Nähe.


Zuckerwasser

Wasser mit aufgelöstem Zucker, Schlummertrunk, den meine Großmutter mit abends zu reichen pflegte. Geliebtes Ritual, in einem Zinnbecher verabreicht, auf dem mein Name eingraviert war. Wahrscheinlich wusste sie von meinen unruhigen Nächten.

15 / 11 / 09

sinken

Den Gefallen werde ich Dir aber nicht tun. Ich werde doch nicht Deinetwegen eine Therapie machen, denn: ich habe Dich überlebt. Und: ich habe mich schon vor Jahren von Dir befreit, als ich Deine Sprache aus meinem Leben gestrichen habe. Als ich Dir gelassen und ohne Angst sagte, dass ich meine Bibel weggeworfen habe, weil ich Dich komplett loslassen musste. Tatsächlich habe ich sie verbrannt. Ich habe Dir gesagt, dass ich Dich vom Thron stoßen musste, um mich von Dir befreien zu können.
Nun bist Du seit eineinhalb Jahren tot und vielleicht wunderst Du Dich, dass ich noch einmal versuche meine Kindheit zu durchleben. Aber wahrscheinlich wunderst Du Dich überhaupt nicht darüber, weil Du selbst Deine Kindheit wieder und wieder durchlebt hast, in all den Jahren, nachdem Dein Vater Dich zurückgelassen hatte.
Dies, das hier, das ist noch nicht vorbei. Ich brauche das hier jetzt, um endgültig Frieden mit Dir schließen zu können. Nicht nur Frieden mit dem Lebenden, mit dem Todgeweihten, mit dem Sterbenden. Wir hatten uns lange schon versöhnt, ich habe das nicht vergessen, aber ich habe mich noch nicht mit dem Toten versöhnt, und wie Du selbst weißt, ist das die letzte Stufe.

Ich kämpfe mit mir, ich kämpfe mit Dir, weil ich eine Entscheidung treffen muss. Lasse ich mich noch tiefer auf den Meeresboden sinken oder segele ich auf den Winden der Sonne entgegen. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn ich das Wrack durchtauchen und auf die verrostete und veralgte Truhe stoßen werde. Ich weiß nicht einmal, ob ich bereit sein werde sie zu öffnen. Weil ich spüren werde, welchen Schrecken sie birgt? Weil der Zensor in meiner Psyche versuchen wird, mich mit aller Macht daran zu hindern? So wie er es seit dreißig Jahren so erfolgreich tut. Der Sog der Tiefe ist stark, ist stärker als je zuvor. Da sind ein, zwei Jahre in meinem Leben, die verschwunden sind, ich wurde fünf Jahre alt (Amrum, der Lastwagen zum Geburtstag, dessen Ladefläche den ganzen leuchtenden Strand tragen sollte), ich wurde sechs Jahre alt, ich wurde sieben Jahre alt (Wohnzimmer, der Fischer-Technik-Baukasten zu meinem Geburtstag, der nie so recht meine volle Aufmerksamkeit bekam).

Ich lege wieder und wieder das Tape ein und schaue mir wieder und wieder das schwarzweiße Flirren an, das ich endlich dechiffrieren möchte.

Und dann bleibt da noch meine Mutter, letztes Tabu.

13 / 11 / 09

tiefer

Hast Du das nie bemerkt? Hast Du Dich nie gefragt, warum ich stiller und stiller wurde. Du hast. Und hast es nur noch schlimmer gemacht. Die schlimmsten Momente waren die, in denen ich mich Dir stellen musste.

Ich liege auf der Couch. Lese und lese. Du setzt Dich mir gegenüber und sprichst mit mir, als wäre ich ein erwachsener Mann. Ich schweige. Minuten hören auf zu zerrinnen und verdicken sich zu einem ewigen Moment, den ich nur durch stures Schweigen durchbrechen kann. Also schweige ich weiter. Beantworte keine Deiner Fragen, schaue Dir nicht in die Augen. Halte den Blick gesenkt und versuche der Traurigkeit in Deiner Stimme zu entfliehen. Du weißt noch nicht, dass ich Jahre später über Dich triumphieren werde, ich weiß noch nicht, wie gut sich Genugtuung anfühlen wird.

Wovor hast Du Angst
Minuten
Ich habe keine Angst
Minuten
Jeder hat Angst, auch Du hast Angst
Minuten
Nein
Minuten
Hast Du Angst vor mir
Minuten
Nein
Schweigen
Schweigen
Schweigen

Dieses Rauschen in meinem Kopf, diese Enge in meinem Brustkorb. Warum bloß bist Du so unfähig gewesen, mich wie einen normalen kleinen Jungen zu behandeln, warum bloß hast Du Deinen Gott nicht auf dem Altar liegen lassen, als Du am siebten Tage den Tempel verließt.
Hast Du wirklich geglaubt, dass Dein Glaube Dich einen guten Vater sein lassen wird. Hast Du tatsächlich geglaubt, dass der kleine Junge auch nur ein Wort von der Liebe Gottes begreifen würde, hast Du echt gedacht, dass.
Was hast Du Dir dabei gedacht?
Vor Dir sitzt ein Achtjähriger, dem Du vom Gekreuzigten und von Vergebung und von Schuld erzählst. Vom Vater und vom Sohn und vom Heiligen Geist, vom liebenden Vater, vom am Kreuz sterbenden Sohn. Von Auferstehung.

Warum bist Du unfähig gewesen, Deinem Sohn einen Fußball zu schenken. Er hätte Dir beibringen können, wie Vater und Sohn miteinander spielen sollten.

früher

Ich stehe in der Tür zu Deinem Zimmer und starre auf das wohlbezogene Bett. Ich habe keine Erinnerung daran, müsste ich es malen, bliebe da nur beige und braun. Ich stehe in der Tür und mache einen Schritt nach vorn, ich betrete Dein Zimmer. Rechts von mir der Schrank im schreiendsten Grün, und weißt Du, ich habe niemals wieder so ein Grün gesehen, so hässlich war es. Ich mag grün, sonst. Oben drauf die Flaschen, fünf oder sechs, vielleicht auch sieben oder acht. Auf den Etiketten italienisch klingende Namen. Und weißt Du, im Gegensatz zu Dir betrinke ich mich teuer, wenn mir danach ist.
Ich mache einen Schritt nach vorn und habe Angst davor weiter zu gehen, weiterzugehen. Wie ein Einbrecher fühle ich mich, betrete Dein Refugium, in dem Du nicht der bist, als den ich Dich kenne. In dem Du nicht den Kugelschreiber auf weißem Papier tanzen lässt, in dem nicht die alten Bücher Deiner Studienzeit im schäbigsten Nussbraunfurnier vergilben. In dem es nicht nach Rauch riecht. Deine Mutter hat Dich gut erzogen. Und weißt Du, ich habe Deine Zigaretten gezählt, ich habe sie alle gezählt, jede Zigarette, die Du geraucht hast, verbrauchte ein Wort, das Du nicht mit mit mir gewechselt hast.
Und am siebten Tage starre ich Dich an, erkenne Dich aufs Neue nicht wieder, an jedem gottverdammten siebten Tage, an dem Du das Wort Deines Gottes, das Wort Deines Vaters, verbreitest, am siebten Tage starre ich Dich an und verstehe kein einziges Wort. Und verstehe nur Vergebung, Vergebung - das Zauberwort. Und verliere mich in dem leidenden Leib einer an ein Kreuz genagelten Kreatur, die Du anzubeten gemahnst. Christe, Du Lamm Gottes. Und irgendwas mit Sünd der Welt. Die halbe Stunde Verheißung, die Du der toten Stille verkündest, interessiert mich einen Scheiß.
Aber als Du zum Altar schreitest und mir den schwarzgewandeten Rücken zuwendest, als Du die Arme hebst und Deine Stimme ergeben und pflichtbewusst das Kyrieleison anstimmt, als Du nicht mehr Bass, sondern Fiedel bist, als Deine Stimme bricht, immer an der selben Stelle, immer an jedem siebten Tage, in diesem Moment fühle ich mich Dir nahe. Weil Du in diesem Moment Deine Schwäche präsentierst, weil Du in diesem Moment Deinem Vater gegenübertrittst. Weil Du es musst.

Wahrscheinlich tue ich Dir Unrecht. Aber sieh doch die vielen Scherben vor mir liegen, die sich nicht kitten lassen wollen, die ich nicht, noch nicht, kitten kann.

15 / 03 / 09

Spiegelschwester

Ach Schwesterherz.

Solltest Du denn tatsächlich für immer die einzige bleiben, die weiß. Wie es ist. So zu sein. Du bist der einzige Mensch von Anfang an, der mir geblieben ist, nur Du kannst noch die Linien ziehen, zurück, immer weiter zurück in die Vergangenheit. Unser Vater ist tot. Gut, für Dich wird er schon viel länger tot gewesen sein. So wie es unsere Mutter für mich ist. Unsere Mutter wird auch eines Tages tot sein. Und wird es Dir dann so gehen wie mir, dass da niemand mehr ist, der sich mit Dir erinnern kann. Außer mir. Wir haben nichts anderes als unsere Vergangenheiten, die man uns schuf. Auf dass wir an ihnen weiterschaffen. Sag, geht Dir der ganze Gottscheiß nicht endlich auch mal auf die Nerven? Ich habe schon lange die Schnauze voll davon. Obwohl, Gott kann ja nichts dafür, dass er missverstanden wird, von uns dummen Ebenbildern. Wie hochtrabend Menschen doch sind, was ihnen bloß einfällt, sich als Ebenbilder einer Überperson zu sehen, obwohl ihnen doch verkündet wurde, einst, dass sie sich kein Bild von ihr zu machen haben.
Für Dich und mich wird es nie ein Jetzt geben. Immer werden wir uns gegenseitig die Erinnerungen zurückgeben, hilflos, weil uns nichts anderes bleibt. Wir haben getan, was sie von uns erwartet haben. Und siehe, es war schlecht. Folgsame Kinder, als ob wir je eine andere Wahl gehabt hätten. Kinder unserer Eltern, die es auch nicht besser als ihre Eltern gemacht haben. Nein, Ihr wart nicht besser als Eure Eltern, Ihr habt total versagt. Mit unserem Vater habe ich Frieden geschlossen, für dich inklusive, weil Dir die Zeit dafür nicht vergönnt gewesen ist.
Als wir den Sarg zu Grabe geleiteten, hielt ich Deine Hand. Und ich wusste in diesem Augenblick, dass es nie vorbeigehen wird. In diesem Augenblick waren wir wieder Bruder und Schwester.

22 / 03 / 07

...


und letztendlich ist es so, dass du schwerkrank bist, das kann man drehen und wenden und lässt sich doch nicht ändern und man beginnt sich für jede minute unbeschwertheit, die dir bleibt, zu freuen, für dich, für alle. immerhin ist nichts mehr neu- und nachgewachsen in deinem kopf, und das ist die erfreuliche nachricht, auch dass die medikamentendosis reduziert werden kann und so weiter.
und doch kann es jeden tag passieren, ein telefongespräch, das dich überfordert, bringt deine augen zum flimmern, kann dir den verstand rauben, es ist nun mal so. abschirmen. kein stress. mit dem arzt die richtige einstellung herausfinden.


Worte wie Pflegestufe und Sterbehospiz werden schon mal langsam gedanklicher Alltag, es ist nun mal so. Aber, noch ist das nicht Alltag. Noch kannst Du es Dir gut gehen lassen, zu Hause, so lange es eben geht. Und, da sind Frau Fee und Herr Ritter, die sich rührend kümmern, und natürlich sie, die Du liebst, die Dich liebt. Und die vielen anderen Freunde, die an Dich denken.

Vielleicht ist es so, wie Du sagst, dass Du nur deshalb noch unter uns bist, weil Du weißt, dass wir an Dich denken. Vielleicht ist es so.

Und wenn ich Dich so lachen sehe. Du könntest genausogut klagen und hadern, aber Du lebst und liebst halt gerne, wer kann da noch widerstehen.

Ich denke, der Tod wandert noch eine ganze Weile in anderen Gefilden und hat es nicht eilig.

15 / 12 / 06

Kinderbilder


Menschen machen sich immerfort Bilder voneinander. Ohne die geht es wohl nicht, weil wir ja doch nie den anderen ganz begreifen können und wir wenigstens ein Bild haben wollen, in dem wir den anderen erkennen können. Das ist eigentlich ziemlich egoistisch und sobald jemand nicht mehr dem Bild entspricht, das jemand von ihm hat, kommt es zu Konflikten.

Eine spezielle Sorte Bilder sind die, die Eltern von ihren Kindern haben und umgekehrt. Das Argument, dass Kinder von ihren Eltern ein zu hohes Bild haben, kenne ich aus meiner Kindheit, ein Argument, dass vielleicht vielen vertraut ist, wenn auch in anderen Worten.
Aber dass auch Eltern sich von ihren Kindern Bilder machen, ist die andere Seite. Konflikte zwischen Eltern und Kindern entstehen auf Grund von Bildern, an die man sich so sehr gewöhnt hat, dass man den Staub auf ihnen nicht bemerkt. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass es Kindern leichter fällt, Bilder zu entstauben und abzuhängen und durch neue zu ersetzen als Eltern? Vielleicht weil die Beziehung zwischen Eltern und Kind doch nicht eine gleichberechtigte ist, in Konfliktsituationen zeigt sich, dass Eltern Macht ausüben, wenn ihnen auffällt, dass das Bild, dass sie von ihren Kindern haben, bröckelt und zerfallen könnte, was für sie eine Menge Stress bedeutet, denn mit dem Bild scheint auch das hierarchische Gefüge zu zerfallen und für Eltern ist es nicht leicht, sich einzugestehen, dass ihr Kind nicht ihrem Bild, ihren Erwartungen entspricht.
Fragt sich nur warum das für einige oder die meisten so schwer ist. Bedürfnisse. Auch Eltern haben Bedürfnisse, und in manchen Fällen projizieren Eltern ihre Bedürfnisse auf ihre Kinder, was wiederum für ein Kind Stress bedeutet, weil Kinder doch erst einmal, wenn sie noch klein sind (oder gerade nicht. wenn sie größer werden), versuchen ihren Eltern gerecht zu werden. Nur entwickeln sich Kinder eben - und das oft auf eine Weise, dass Eltern diese Entwicklung nicht wahrnehmen (denn Eltern müssen ja nicht alles wissen) und immer noch an dem Bild festhalten, dass sie sich einmal von ihrem Kind gemacht haben.

Irgendwann sollten Eltern begreifen, dass ihre Kinder nicht mehr die Rolle ihrer Kinder einnehmen wollen.

Bei uns hats lange Jahre gedauert, aber inzwischen spielen weder ich noch meine Eltern Rollen, die wir sowieso nicht ausfüllen können und vielleicht auch nie konnten. So klappts auch mit dem gleichberechtigt sein.

Ende der Hobbypsychologie.

28 / 11 / 06

Echos

(Sonntag, vor zwei Tagen)

Mir schräg gegenüber sitzt einer, den sie Pferd nennen. Zwischen dem roten Halstauch, das sein langes weißes Haar bündelt und dem roten Karohemd treiben zwei blaue Augen, die von alten Träumen, Begierden und Enttäuschungen erzählen, von denen jede einzelne einem der Jahresringe seines Gesichtes zu gehören scheint.
Das Leben hinterlässt seine Spuren in Gesichtern und in Augen. Und auch das Leid. Von dem ich nie erfahren werde, zu welcher Sorte Leid dieses gehört, das mir als Echo in den blauen Augen eines Unbekannten begegnet.
Und wenn es nur die Sehnsucht nach etwas Unerfülltem ist, die mir vorher in der Straßenbahn begegnet, als ich Locken und roten Schal streife, die nicht der Stimme gehören, deren Gespanntheit mich über Tage noch ein Echo des Unausgesprochenen hören lässt.

Später vor dem Krankenhaus, das ebenso gut der Hauptsitz einer Versicherungsgesellschaft sein könnte, frage ich mich, was ich tun werde, wenn mein Vater mich nicht erkennt oder im finsteren Tal wandert. Und treffe auf einen Mann, der leben möchte und dessen Lebenswille ihn nicht aufhören lässt zu reden und mir damit einen Wunsch erfüllt.
Wieviel Zeit uns dafür noch bleibt, ist nicht mehr wichtig. Wichtig sind die Augenblicke, die wir noch miteinander verbringen werden, und das wissen wir beide ohne es auszusprechen. Alles andere liegt nicht in unseren Händen, die ein so großes Wort wie Sinn doch niemals greifen können.
Gewöhnen wir uns daran und überlegen wir uns, was wir wollen und fragen nicht mehr nach dem Sinn.
Mir gegenüber sitzt ein Mann, der gehen kann, dem noch ein bisschen Zeit bleibt, weil er es will.

23 / 11 / 06

a rush of blood to the head

mein vater wurde heute operiert... wer es nicht lesen will, lasse es...






das war zuviel heute, ist zuviel und wird zuviel sein. wie kann es etwas geben, dass du gott nennst, das dich so leiden lässt. keiner verdient das, was du gerade durchmachst, keiner, keiner, keiner. die mirabelle in deinem kopf ist böse, so böse, dass sie sie nicht ganz abtöten konnten und etwas bleiben wird, das gierig an dir fressen wird, schnell, bis du nicht mehr bist. sie haben dir alle angst genommen, du hast es tatsächlich gewagt und dich entschieden. und nun... ist es schlimmer als vorher. liegst bewusstlos auf der intensivstation und weißt es noch nicht. aber ganz tief in dir weißt du es und deshalb willst du nicht zu dir kommen. alles wäre besser gewesen. eine nachblutung, stilles und leises ende im schlaf. selbst das wäre besser gewesen.

danke, dass wir uns neulich so lange verabschieden konnten. du hast dir in den letzten wochen die zeit genommen, dich von uns allen und deinem leben zu verabschieden und nun qüalst du dich im niemandsland zwischen leben und tod. und nur du kannst den weg finden, welcher es auch sein wird. wir anderen können nur warten und hoffen. und auch das wolltest du, keine zuschauer, du willst ganz alleine sein in deinem kampf, weil ihn dir niemand abnehmen kann. du wusstest das alles schon vorher irgendwie oder? dahinten irgendwo in deinem unterbewusstsein wusstest du, dass es auch so kommen kann, wie es heute eingetreten ist.

ich fühle mich hilflos und weiß doch, dass es anmaßend ist glauben zu wollen, dass ich oder irgendein anderer mensch dir jetzt helfen kann. wenn sie dich wenigstens ruhig stellen könnten, dir die schmerzen nehmen könnten, aber in ruhe kannst du nicht kämpfen. es ist einfach nur schrecklich. erzähle mir keiner jetzt was von gott oder schicksal, wir sind nichts und brauchen uns auf nichts etwas einzubilden, weil das bisschen existenz uns in jeder sekunde genommen werden kann.

hoffnung. die bleibt.

pollon_@gmx.net