Nun aber mal nicht gleich so hochgetrabt getan, der Herr! Begreifen Sie es endlich mal, dass Sie Ihr Leben nicht ungefragt beenden und beginnen können, wie es Ihnen beliebt. Wenn Sie sich am nächsten Morgen die Augen reiben, werden da immer noch die unausgepackten Lebensbündel in der Ecke stehen und sich Ihnen unversehens auf die Schultern legen und nur darauf lauern, Sie in Ihren Momenten vollkommenster Unbekümmertheiten zu Fall zu bringen.
Es ist noch nicht vorbei, sagst Du. Ich weiß, dass Du recht hast. Es wird nie vorbei sein. Aber heute, heute tränkte der Regen das Gras und färbte es grün.
Endlose Wochen unterm Busch gekauert und in köstlichsten speichelversiegenden Wundenleckereien ergangen, hervorgekrochen und das Fell geschüttelt und den verlockendesten Knochen hinterhergehechelt. Alles wieder gut also, soweit es den Anschein hat. Ich traue mir zwar noch nicht so recht über den Weg und schwanke mich zuverlässig verstimmend wie eh und je über Stock und Stein und blinzle noch verkniffen in die wunderweite Welt hinein, aber sonst.
Das verwirrt mich, wie kann es mir besser gehen als je zuvor, ist tatsächlich etwas dran an dem Krisenauswegsgerede, und eigentlich wussten wir das ja immer schon: wo Krise, da Chance. War das nun der Knoten, der berühmte etwa? Der langersehnte Schlag in die eigenen liebevoll gehegten monströs verknäuelten Befindlichkeiten aus sechsunddreißig Jahren Zeitrechnung. Irgendwie hänge ich ja doch an ihnen. Also nicht den Knoten zerschlagen, aber aufgetrennt und defekte Bänder entwickelt und ihnen ihren Platz im ausnahmsweise aufgeräumten Archivschrank der Psyche freigeräumt. Denn ihrer entledigen werde ich mich wohl nicht mehr können. Und eigentlich will ich das auch nicht mehr: vor mir und meinen Gefühlsmassiven wegzulaufen und in den Tälern der Träume meine Zeit zu verleben und auf etwas zu warten, von dem ich keinen blassen Schimmer habe.
Es geht mir gut. Ist das nicht merkwürdig. Ich entdecke mehr und mehr, dass ich meinen Gefühlen Energie entlocken kann, Energie, die ich brauche, um das zu tun, was ich will. Das ist ein neues Gefühl der Freiheit, es scheint, als ob mein Leben vor mir liegt und nur auf mich wartet.
Und jetzt jedes einzelne Wort vergessen, nur noch Hülle oder Kern. Was macht das schon, wenn da nichts ist, nichts. Im Gehen eben lebte ich, doch schien es mir, als sei ich tot. Was aber bin ich in diesem Augenblick, im Sitzen, wenn ich eben noch tot zu sein glaubte. Ich muss hier raus, ohja, raus, raus, nur raus, doch nicht aus diesem Haus, Haus, das schützt, Haus, das dunkel ist. Keine Menschen. Nur ich und das Tier.
Ich habe nie geahnt, dass ich mich in solcher Maßlosigkeit von allem hier distanzieren könnte. Mir scheint, als fliege ich fort ins nichts. Die Dunkelheit ist mit mir, ist Hülle und Kern.
Das Licht des Anrufbeantworters blinkt, als wäre es nie anders gewesen, blinkt wie die Signalleuchte des Flugzeugs am dunklen Himmel über dem Land, das ich bereiste. Eindringlinge, hinfort mit euch. Vielleicht habe ich an einem anderen Tag weniger Ekel davor Euch anzuhören.
Ich will nicht mehr hier sein. Ich gehöre nicht mehr hierher. Sie sehen es, alle sehen es. Sie fragen mich, ob ich wieder fortgehen will, für immer sogar, womöglich. Ja denke ich, ja weiß ich, ja fühle ich. Ja, ich bin schon fort. Ich bin schon tot. Hier bin ich tot.
Ich habe nach den abgerissenen Wurzeln gegraben und sie wiedergefunden und bin erschrocken über ihre machtvolle Lebendigkeit. Sie waren nie tot, war ich nur tot, meinen Wurzeln entrissen einst? Wird es mir besser gehen, wenn ich zu ihnen zurückkehre? Werde ich heil werden?
Von hoch oben erscheint mir das Land meiner Mutter als geschundener Schakal, dem die Hiebe des Menschen rote Striemen ins Fell getrieben haben. Ich kann mich nicht sattsehen. Folge jeder Biegung roter Erde, die tausende von Metern unter mir sich durch das verbrannte Gras karger Hügelketten frisst. In der Sonne gegerbte Haut eines abertausendjährigen Tieres, die nur der rote und braune, der goldene Staub der Atmossphäre vor dem ewigen Blau des Äthers schützt. Ich komme nach Hause. Und bin nie fort gewesen.
Und jetzt, zurück im Land meines Vaters, spüre ich zum allerersten Mal den Schmerz von einst, den Schmerz des Kindes, den Schmerz der Trennung von Bruder und Schwester. Wo vorher nur die Stille des Verdrängens war, Stille, all die Jahre lang.
Es hört sich wie ein Traum an. Vollkommen unperfekt, voll mit allem, das du niemals wolltest und mit mehr als genug von dem, wovon du immer geträumt hast.
Ein bisschen wie Leben. Ich arbeite bis zu 10 Stunden am Tag. Manchmal arbeite ich auch am Samstag. Es macht mir nichts. Es ist meine einzige Droge. Alles gelingt. Kein Fall in Sicht. Das Gute daran: ich denke nicht mehr. Wollte ich das nicht immer, nicht mehr denken? Mich nicht mehr erinnern? Solange mein Denken unzertrennbar mit meinem Erinnern verbunden ist? Das Schlechte daran: ich funktioniere. Werde Teil der Maschine, nie wollte ich das. Jump, they say. Und das Schlimme daran, denn schlecht ist nicht gleich schlimm, das Schlimme daran: es genügt mir. Es genügt mir, Bestätigung in der Maschine zu finden, sie ist voll davon, sie zahlt sogar Geld dafür, mir Bestätigung zu geben, denn sie begehrt meine Käuflichkeit jeden Tag aufs Neue. Die Maschine hat es immer gewusst, dass ich mich ihr eines Tages widerstandslos hingeben würde, und ich habe immer gewusst, dass sie meiner Loyalität verfallen würde.
Und wenn ich dann am Abend aus dem Fenster schaue, schaue ich zurück und erinnere mich und denke.
Ich leide gerne.
Auf das Leid ist Verlass.
Wenn ich mich schon nicht auf mich verlassen kann.
Oh doch.
Verlasse ich, weil ich verlassen wurde, einst.
Deswegen höre ich auch gerne der Geschichte von Karen Koltrane zu.
Wahrscheinlich wäre ich gerne Karen Koltrane.
Auch so ein Wunsch.
Lee Ranaldo zu fragen.
Wünschen, wünschen, wünschen.
Fuck.
Geliebte Tagträume, Ihr Retterinnen, gezeugt in bittersüßer Schwermut.
Was immer es auch ist, tu es.
Und der dümmste Satz, den Kurt je von sich gegeben hat:
I hate myself and I want to die.
So gut.
Soweit.
Ich möchte zerstören, noch mehr zerstören, ich habe gerade erst angefangen.
Mit mir.
Du wirst Dir schon ein neues Opfer suchen.
Als beste Freundin darfst Du diesen Satz sagen.
Nein.
Nein.
Ich will nicht mehr verletzen.
Ich hasse mich und möchte leben.
Und gewinne beim Pokern.
A Thousand Leaves.