03 / 03 / 07

Rosa Rauschen


Mit Sechzehn nahmen mich meine Eltern nach Berlin mit, die Mauer stand gerade noch. Deswegen hatte ich ein wenig Angst. Nicht vor der Mauer, vor dem ostdeutschen Personal an der Grenze, das im allgemeinen als sehr pflichtbewusst, eventuell sogar übereifrig und neugierig galt. Es wurde einiges über Kofferräume und mehr erzählt.

Später in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms in einem Hotel ein Zimmer, in dem das Licht braun auf gelbe Tapeten schien, deren Muster ich vergessen habe. Und es roch grün und braun und auch etwas grau nach zurückgelassenen Lebensbruchteilen, die modernd aus Ritzen und Polstern hervor krochen. Die Heizung, sie rasselte. Knackte wie ein verzogenes Uhrwerk taktlos und gemein, von unbeendeten Geschichten vergangener Nächte ruhelos getrieben. Da halfen auch kein Tritt und kein Drehen an der Schraube, die Heizung knackte nur noch mehr und flüsterte laut und deutlich von Einaktern unter den Lichtern der Straße.
Jeder Knack ein Vorhang, neue Szene, schneller, lauter, tiefer. Schnitt. Straße dann. Ohne Ziel lasse ich mich über den Kudamm treiben, erinnerungslos, weil die Lichter mir nichts von einer Vergangenheit erzählen können. Es ist das erste Mal.

Ich kaufe Bier und schwebe von den Lichtern der opulenten Schaufensterauslagen zu den Leuchten unbezahlbarer Karossen, die ich nur aus Film und Fernsehen kenne und schwimme im Lichtermeer, vollkommen befreit von meinem Leben, in dem ich am vorigen Abend noch beim gemeinschaftlichen Gebet in der Jugendgruppe in den Augen eines Mädchens mit einem rosa Pulli ertrank, weil es so einiges gab, wofür es sich beten ließ.
Und zwischen den Stellkästen auf der Promenade: Beine in hautengem Rosa, auf dem sich die Lichter der Autos brechen, eine Jeansjacke in weißem Kurzundknapp unter goldgelben Haar, dessen Haarsprayglitzer mich hinabzieht, tief in das Meer der Träume, wie ich sie bis zu diesem Moment nur aus Film und Fernsehen kenne.
Ich bin sechzehn und habe nur mein Taschengeld und später in einem Zimmer in einem Hotel, in dem es grün und gelb und braun dunkelte, rauschte die Heizung in rosa und weiß.
Und knackte unaufhörlich.

♪ jewel cases ♪




Sonic Youth
Sonic Nurse



Tim Hecker
Radio Amor


Throwing Muses
The Real Ramona


Sonic Youth
Dirty

°

und auf ihrer seite
ein mehr als blinder schiedsrichter, gegen Ö genauso...
weirdsista - Juni 21, 17:49
pogrome 2.0
pogrome 2.0
Nilla - Juni 9, 13:19
Trost ist glücklicherweise...
Trost ist glücklicherweise auch nicht angebracht....
pollon - Februar 29, 00:58
Willkommen im Club!
Ich kenne diese Zustände nur zu gut! Tröstliches...
Randolph Carter - Februar 29, 00:36
Und deshalb eben besser...
Und deshalb eben besser nicht... Es gibt immer auch...
FrauH. (anonym) - Februar 24, 13:42
Ja, den Sampler habe...
Ja, den Sampler habe ich auch vermutet, nicht alles...
pollon - Februar 20, 21:58
neben dem keyboard
fehlte es (zumindest in Hamburg) auch an Dynamik. Vieles...
klar.text - Februar 20, 14:57

?

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